Oft ist es nicht der Konsument, der mich zuerst anruft, sondern die Partnerin oder der Partner. Die Stimme am Telefon ist müde, manchmal den Tränen nah: «Ich weiss nicht mehr, wie ich mit ihm umgehen soll.» Ich habe in über 40 Jahren mit vielen Menschen gesessen, die jemanden lieben, dessen Sucht das gemeinsame Leben bestimmt. Dieser Beitrag ist für Sie, nicht für den Menschen, der konsumiert.

Was mit Ihnen passiert, wenn Sie mit einer Sucht leben

Eine Sucht betrifft nie nur eine Person. Sie zieht das ganze Umfeld hinein, oft so langsam, dass man es kaum merkt. Typisch ist, dass Sie mit der Zeit Aufgaben übernehmen, die eigentlich nicht Ihre sind:

  • Sie werden zur Kontrolleurin und zur Krisenmanagerin, immer in Habachtstellung.
  • Ihre eigenen Grenzen verschwimmen, Ihr Tag dreht sich um seinen Konsum und seine Stimmung.
  • Scham hält Sie klein. Viele ziehen sich zurück und reden mit niemandem darüber.
  • Und über allem liegt die quälende Frage: «Bin ich schuld?»

Sie sind nicht schuld. Und Sie sind mit diesen Gefühlen in guter, grosser Gesellschaft, auch wenn es sich einsam anfühlt.

Der Denkfehler, der am meisten schadet

Der Gedanke, der Angehörige am tiefsten erschöpft, klingt so: «Wenn ich mich nur genug anstrenge, bekomme ich ihn da raus.» Ich sage es Ihnen offen, auch wenn es schwer zu hören ist: Sie können den Ausstieg nicht für ihn machen. Mehr Kontrolle, mehr Kümmern, mehr Retten hält den Kreislauf oft sogar am Laufen, weil es die Folgen des Konsums abfedert. Das nennt man Co-Abhängigkeit, und es ist kein Vorwurf. Es ist der verständliche Versuch, einen geliebten Menschen zu schützen.

Was Sie wirklich tun können

Es gibt viel, das in Ihrer Hand liegt, nur eben nicht sein Konsum:

  • Klarheit statt Kontrolle. Benennen Sie ruhig und ohne Moralpredigt, was Sie sehen und was es mit Ihnen macht.
  • Grenzen, die Sie halten. Eine Grenze wirkt nur, wenn Sie sie auch durchtragen. Kündigen Sie nichts an, was Sie nicht einhalten können.
  • Aufhören zu decken. Erfinden Sie keine Ausreden mehr gegenüber Arbeitgeber, Familie oder Freunden. Lassen Sie die Konsequenzen seines Konsums bei ihm.
  • Für sich selbst sorgen. Ihr Schlaf, Ihre Freundschaften, Ihre eigenen Aufgaben sind kein Luxus. Sie sind das, was Sie tragfähig hält.
  • Hilfe von aussen holen. Sie müssen das nicht allein durchstehen.

Wann Sie gehen dürfen

Manche Angehörige bleiben aus Liebe, manche aus Angst, viele aus einem tiefen Pflichtgefühl. Ich sage es klar: Treue verpflichtet Sie nicht, mit unterzugehen. Sie dürfen bleiben, und Sie dürfen gehen. Beides kann der richtige Weg sein, je nachdem, was für Sie und für Ihr Leben tragbar ist. Wenn Kinder mit im Spiel sind, hat deren Schutz Vorrang vor allem anderen.

Wie ich Angehörige begleite

Meine Arbeit ist unabhängig, ambulant und diskret. Wir treffen uns in meiner Praxis in Zürich oder sprechen online miteinander, je nachdem, was für Sie einfacher ist. Sie dürfen zu mir kommen, auch wenn Ihr Partner es nicht will oder noch nicht so weit ist. Wir schauen gemeinsam, was Sie tragen, wo Ihre Grenze verläuft und wie Sie wieder Boden unter die Füsse bekommen. Oft ist es genau diese Stärkung des Umfelds, die am Ende auch beim Konsumenten etwas in Bewegung bringt. Ein guter Weg aus der Sucht gelingt fast immer im Zusammenspiel mit den nächsten Menschen.

Häufige Fragen

Bin ich schuld an der Sucht meines Partners?

Nein. Eine Sucht hat viele Wurzeln, und keine davon ist Ihre Liebe oder Ihr Verhalten. Sie können den Konsum weder verursacht haben noch ihn allein beenden.

Soll ich meinen süchtigen Partner verlassen?

Diese Entscheidung kann Ihnen niemand abnehmen, und sie muss auch nicht heute fallen. Im Gespräch klären wir, was für Sie tragbar ist, welche Grenzen Sie brauchen und welche Wege es gibt.

Wie gehe ich mit einem süchtigen Partner um?

Bleiben Sie klar, ohne zu kontrollieren. Sprechen Sie ruhig an, was Sie sehen, setzen Sie Grenzen, die Sie auch halten können, und hören Sie auf, die Folgen des Konsums für ihn wegzuräumen. Das klingt hart, ist aber oft der hilfreichere Weg, für Sie und auch für ihn.

Was ist Co-Abhängigkeit und wie löse ich mich daraus?

Co-Abhängigkeit heisst, dass sich Ihr Leben immer mehr um den Konsum des anderen dreht: Sie kontrollieren, decken und retten, bis Ihre eigenen Grenzen verschwimmen. Lösen lässt sie sich, ohne dass Sie sich trennen müssen. Der Weg führt über klare Grenzen, das Ende des Deckens und mehr Raum für Ihr eigenes Leben. In der Beratung üben wir genau das Schritt für Schritt.

Kann ich Beratung machen, auch wenn mein Partner nicht mitkommt?

Ja. Sehr viele Angehörige kommen zuerst allein. Sie haben ein Recht auf Unterstützung, unabhängig davon, was Ihr Partner tut.

Kann ich die Gespräche auch online führen?

Ja. Viele Angehörige schätzen das, weil sich ein Gespräch von zu Hause aus leichter in einen ohnehin vollen Alltag einfügt. Wichtig ist nur ein ruhiger Ort, an dem Sie ungestört sprechen können.

Ihr erster Schritt

Sie müssen nicht warten, bis er bereit ist. Sie dürfen jetzt für sich sorgen. Wenn Sie wissen wollen, wie Sie mit dieser Situation umgehen können, rufen Sie mich an. Der erste Kontakt ist kostenlos, diskret und unverbindlich. Bei akuter Absicht, sich oder anderen etwas anzutun, wählen Sie bitte sofort die 143 (Dargebotene Hand) oder in einer Notlage die 144 oder die Polizei 117.